Es ist ein trüber Tag im Januar. Der Himmel ist von einem einheitlichen Dunkelgrau überzogen, das nicht einmal die Vermutung zulässt, da draußen könnte irgendwo eine Sonne sein. Die Temperaturen liegen knapp unter null Grad Celsius, was auch die Straßen und Gehsteige zu einem nicht besonders einladenden und spiegelglatten Terrain macht. Dick eingehüllt in meine Winterjacke, mit Mütze, Schal und schweren Stiefeln mache ich mich auf den Weg zu einem Stadtspaziergang, um dort einen Kaffee zu trinken.

Mein Weg führt mich in Richtung Zentrum, wo ich nach wenigen Schritten an einem kleinen Straßencafé vorbei komme. Dort steht eine einsame Tafel auf dem Bürgersteig, mit der Aufschrift „COFFEE TO GO – JETZT AUCH ZUM MITNEHMEN“. Aha, denke ich mir, doppelt gemoppelt. Vielleicht ist es aber auch so, dass deren Kaffee sowieso schon zum Davonlaufen ist, und man diesen nun auch mitnehmen kann.

In Gedanken über die Bedeutung dieses Wortspiels versunken, komme ich an einem kleinen Laden für Unterwäsche vorbei. Im Schaufenster prangt ein riesiges Schild mit der Aufschrift „SALE“. Hier ist es nur ein einziges das Schaufenster völlig für sich einnehmendes Schild. Andere verwenden kleinere Schilder, kleistern damit aber dann die komplette Auslage zu. SALE. SALE. SALE. Beim nächsten Geschäft sehe ich es wieder. SALE. Und beim übernächsten auch. SALE.

Es beginnt wieder leicht zu schneien und ich muss mich sehr zurückhalten, nicht einfach einen dieser Läden zu betreten und einen SALE zu verlangen. „Liebe Verkäuferin, ich hätte gerne einen SALE, könnten Sie mich diesbezüglich bitte beraten? Was kostet so einer denn? Gibt es den auch in Grün und biologisch abbaubar? Wie sieht es aus mit den Nebenwirkungen, und verträgt er sich schon mit Alkohol? Es ist doch kein Problem, wenn man einen Hamster hat, oder?“

Verehrte Ladenbesitzer und -innen in deutschsprachigen Ländern, Städten, Dörfern und Käffern – wie wäre es denn zur Abwechslung mal mit Begriffen wie Ausverkauf, Abverkauf, Auktion, Schlussverkauf oder gar Räumungsverkauf? Die Auswahl an Begriffen in unserer Sprache ist so groß, dass dies keine vernünftige Ausrede ist, auf Englisch, oder besser gesagt Dummdeutsch auszuweichen. Vielleicht ist die Auswahl ja sogar zu groß und Sie können sich einfach nicht entscheiden. SALE. Wahrscheinlich machen Sie es aber doch wegen Ihrer Internationalität, die man ja guten Gewissens ordentlich raushängen lassen kann, und natürlich auch wegen der vielen englischsprachigen Kunden in unserem kleinen Ort. Selbstverständlich ist dieses Argument abhängig von der Zielgruppe eines Geschäftes, aber haben Sie sich schon einmal überlegt, dass gerade unsere älteren Mitbürger nicht den blassesten Schimmer haben, was all dieses Palaver von wegen „SALE“ überhaupt bedeuten soll? Aber die brauchen ja eh keine Unterwäsche mehr, denken Sie vielleicht. SALE. „Gibt es den auch in Grün? Ich hätte gerne zwei für meine Enkel.“

Vielleicht sollten Sie das Konzept Ihrer Internationalität auch noch einmal überdenken, denn so groß, wie man beim Anblick all dieser Schilder in der Stadt glauben könnte, ist der englischsprachige Anteil unserer Bevölkerung gar nicht. Wenn schon Fremdsprache, dann vielleicht eine, die bei uns auch wirklich von einem größeren Bevölkerungsanteil gesprochen wird. Wie wäre es zum Beispiel mit Türkisch? „Indirimli satış“ müssten Sie dann auf all Ihre roten Schildchen drucken.

Ich komme am Kino vorbei und lese schon von weitem den Schriftzug „BLOCKBUSTER“. Das klingt ja gefährlich, denke ich mir, mache mir aber trotzdem nicht die Mühe, einen weiten Bogen um das Kino zu machen. Ich bin mir relativ sicher, dass die Damen und Herren Kinobetreiber nicht wissen, was ein „BLOCKBUSTER“ überhaupt ist. Sie denken an einen dieser zahl- und hirnlosen Auswüchse der amerikanischen Filmindustrie, ohne jede Geschichte, dafür mit jeder Menge Gewalt? Weit gefehlt.

Der „BLOCKBUSTER“ ist eine englische Erfindung aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Richtig, wir sprechen hier über eine Waffe. Genauer gesagt um eine Fliegerbombe, die dazu gebaut war, auch die etwa acht Meter dicken Stahlbetondecken der Deutschen U-Boot-Bunker an der französischen Küste zu knacken. Die Dinger sind genauso gewalttätig wie die Filme, mit denen der Begriff ganz gerne in Verbindung gebracht wird, allerdings nicht ganz so hirnlos, denn darüber haben sich die englischen Ingenieure lange den Kopf zerbrochen.

Mein Spaziergang durch Eis und Schnee führt mich vorbei am Bahnhof, wo man seit einiger Zeit recht eigentümliche uniformierte Gestalten beobachten kann. Über den Schultern der einen Gattung steht in Großbuchstaben das Wort „SECURITY“, was zwar auch ein mieser Anglizismus ist, und ganz problemlos durch Sicherheit ersetzt werden könnte, den wir durch den jahrelangen Gebrauch aber bereits gewohnt sind, so dass sich die meisten von uns kaum noch etwas dabei denken. Die zweite Gattung Uniformierter am Bahnhof ist diesbezüglich schon etwas befremdlicher. „CLEANING“ steht, ebenfalls in Großbuchstaben, über ihre Schultern gedruckt. Das ist sehr wichtig, damit auch die nicht deutschsprachigen Reisenden wissen, dass diese Person hier gerade putzt – sofern man das nicht schon wegen des Besens hätte erraten können. Fahrkarten heißen grundsätzlich „TICKETS“. Nach dem allgegenwärtigen SALE sucht man hier allerdings vergebens. Gibt es den auch in Grün?

Auf dem Weg zu meinem Lieblingscafé komme ich an einem „BACK SHOP“ vorbei und schüttle verwundert den Kopf, jedoch ohne stehen zu bleiben, um diese Dummheit eingehend zu bewundern. Was, um Himmels Willen, ist ein „BACK SHOP“? Der englischen Sprache einigermaßen kundig übersetze ich „BACK“ mit „hinten“ beziehungsweise „zurück“, und den „SHOP“ eben mit Geschäft. Aber was soll das wohl bedeuten? Der Auslage nach zu urteilen handelt es sich hier um einen Sprachpanscher übelster Sorte, der nicht einfach nur seine Internationalität durch englischsprachige Schildchen unter Beweis stellt, sondern die Sprachen auch noch bunt durcheinanderwirbelt, so, dass sich kein Mensch mehr auskennt. Der Laden ist eine Bäckerei. „BACK“ ist keineswegs englisch, sondern kommt von „backen“ beziehungsweise „Backwaren“. Mit der Übersetzung von „SHOP“ lag ich allerdings richtig.

Mich wundert so langsam gar nichts mehr, denke ich mir und gehe weiter. Es schneit nur noch ganz leicht und so erkenne ich in der Querstraße ein größeres Schild mit der Aufschrift: „OFFICE AM RATHAUS“. Na bravo.

An der Plakatwand gegenüber buhlt eine größere Firma des Landes um Lehrlinge. „READY TO MOVE“ steht in Großbuchstaben auf dem Plakat. Auf der anderen Straßenseite ist eine weitere Plakatwand, auf der die Konkurrenz nach Lehrlingen sucht. „JUMP TO THE FUTURE“, schreibt diese Firma. Mir ist durchaus bewusst, dass der durchschnittliche Jugendliche kaum noch einen vernünftigen deutschen Satz zustande bringt, na gut, einfache Hauptsätze, die mit „Hey Alter“ beginnen, schon. Ist es deshalb aber empfehlenswert, die jungen Leute dann auf Englisch anzusprechen? Einmal abgesehen davon, dass diese Floskeln so inhaltslos sind, wie sie inhaltsloser kaum sein können. Apropos „JUMP TO THE FUTURE“ – wer erinnert sich noch an den Film „Zurück in die Zukunft“ mit dem guten Doc Brown und seinem Flux-Kompensator?

Ich brauche jetzt dringend einen guten Kaffee, ist mein nächster Gedanke. Glücklicherweise sind es nur noch ein paar Schritte bis zu meinem Lieblingscafé. Dort angekommen, nehme ich erst einmal Platz und werfe einen Blick in die Karte. Dort gibt es „KAFFEE HIGHLIGTS“, „DARK/WHITE CHOCOLATE“, „ICED BANANA CHOCOLATE COFFEE“, „SPECIAL ROLLS“ und vieles mehr. Im Schaufenster des Jeansladens gegenüber steht ein riesiges Schild. SALE. Gibt es den auch in Grün?

sale groß