In seinem Roman „Totenfrau“ verzichtet der Autor, Bernhard Aichner, angefangen von blumigen Beschreibungen bis hin zu den Anführungszeichen bei der wörtlichen Rede auf beinahe alles, was die Geschichte nicht voran treibt. Übrig bleibt ein Roman, der beinahe ausschließlich aus Handlung besteht. Dicht, straff, spannend – und extrem brutal.

Ddie Geschichte selbst ist recht einfach gestrickt, ein Grundrezept, das es wahrscheinlich schon in hundertfacher Ausführung gibt, ein Rachefeldzug des hinterbliebenen Partners eines Mordopfers. Trotzdem ist dieser Roman auf seine ganz eigene und bizarre Weise einzigartig. Er ist wie ein düsteres Lebewesen, dass einen fesselt und nicht mehr los lässt, bis man ihn zu Ende gelesen hat. Der Autor gibt sich nicht besonders viel Mühe, den Leser über irgendetwas im Unklaren zu lassen. Wer der Haupttäter ist, wird zwar erst am Ende offenbart, für einen Krimileser ist es aber recht schnell klar, dass es eigentlich gar nicht anders sein kann. Das tut einem spannenden Lesevergnügen aber keinen Abbruch. Auch wenn die eigentliche Frage, die sich der Leser stellt, nicht mehr unbedingt: „Wer ist der Mörder?“, sondern vielleicht eher: „Kann es sein, dass es tatsächlich alles so einfach ist?“, lautet.

Aichners Stil ist wirklich sehr eigen. Man ist auf den ersten Seiten von „Totenfrau“ vielleicht erst etwas irritiert, gewöhnt sich dann aber rasch daran. Nichts ist hier überflüssig. Der Autor beschreibt nur das Allernötigste und peitscht die Geschichte in rasendem Tempo beinahe ausschließlich mit Handlung voran. Aichners Dialoge bestehen ausschließlich aus dem Gesagten. Keine Gestik, keine Mimik, kein überflüssiger Hinweis, von wem etwas gesagt wird, nichts. Er verzichtet dabei sogar auf die Anführungszeichen der wörtlichen Rede.

Die Sprache in „Totenfrau“ ist einfach gehalten, knapp, direkt und oft knallhart. Der Autor arbeitet mit kurzen Sätzen, die häufig unvollständig sind und manchmal sogar nur aus einem einzigen Wort bestehen. Blum. Die vielleicht berechtigte Frage, ob es denn tatsächlich möglich ist, den Weg der Protagonistin derart mit Leichen zu pflastern und das völlig ohne jede Konsequenz, soll dahingestellt bleiben.

Über extreme Gewalt in Romanen kann man sich berechtigt streiten. Ich persönlich bin kein besonderer Freund davon, besonders dann nicht, wenn der Autor Brutalität mit Spannung verwechselt, was bei Bernhard Aichner trotz der vielen Leichen jedoch nicht der Fall ist. Das ist für mich der Grund, weshalb ich die Romane von Alex Barclay nicht besonders mag. Meiner Ansicht nach sind das Blutorgien ohne eine Geschichte, die zumindest ansatzweise interessant wäre. Ich habe zwei Romane von Alex Barclay gelesen, den ersten aus Neugier, den zweiten weil ich ihr noch eine Chance geben wollte. Beide Male habe ich mich gefragt, warum tue ich mir das eigentlich an? Für mich sind die Romane von Alex Barclay nichts anderes als stupider Schlachthaus-Porno.

Für Aichners „Totenfrau“ trifft das glücklicherweise nicht zu. Dieser Roman ist zwar auch nichts für zartbesaitete Gemüter, aber er hat eine Geschichte, und auch wenn sie recht simpel ist, möchte man als Leser einfach wissen, wie es weiter geht. Das ist ein Roman, den man in einer langen Nacht auch locker an einem Zug durchlesen kann.

Taschenbuch: 464 Seiten
Verlag: btb Verlag (11. Mai 2015)
ISBN-10: 3442749263
ISBN-13: 978-3442749263