Im Roman ist es überaus wichtig, dass sich die Charaktere der wichtigsten Figuren im Laufe der Geschichte entwickeln. Tun sie das nicht, wirkt er schnell unglaubwürdig, wenn nicht sogar lächerlich. In der Kurzgeschichte entwickeln sich die Charaktere auf gar keinen Fall.

Ees ist nicht nur so, dass sich im Roman die Figuren charakterlich entwickeln, der Schriftsteller stattet sie zudem mit den verschiedensten Wesenszügen aus, um auf diese Weise möglichst lebensechte Charaktere zu erschaffen. Es sind verschiedene Schattierungen von Grau, die eine ist dunkler, die andere ist heller, erzeugt durch die gekonnte Mischung verschiedener Charaktereigenschaften. Niemals ganz Schwarz oder ganz Weiß. So funktioniert es im Roman, nicht jedoch in der Kurzgeschichte.

In der Kurzgeschichte stattet der Schriftsteller, der sein Handwerk versteht, selbst die wichtigste Figur nur mit einem einzigen Charakterzug aus, der für die Erzählung von Bedeutung ist. Alles in der Kurzgeschichte ist auf ein Minimum begrenzt und trägt die Geschichte. So ist es auch mit dem einzigen Charakterzug der wichtigsten Figur. Das erfordert großes handwerkliches Können vom Schriftsteller, der diese eine Charaktereigenschaft nun mit jeder Geste, jeder Äußerung und jeder Handlung der Figur unterstreicht und beleuchtet. Es geht darum, dem Leser ein Bild zu vermitteln, das immer klarer wird, obwohl das Meiste ungesagt bleibt. Wahrscheinlich kennen Sie diesen schönen und sehr anschaulichen Vergleich der Kurzgeschichte mit einem Eisberg, bei dem sich nur die Spitze über der Wasseroberfläche befindet und der Rest unsichtbar bleibt. Jeder, der diese Spitze sieht, kann erahnen, welch gigantische Menge an Eis sich darunter befindet. Analog dazu ist die Kurzgeschichte dieser kleine sichtbare Teil des Eisberges, der sich über Wasser befindet. Macht der Verfasser seine Arbeit gut, dann kann der Leser erahnen, er hat ein selbst erschaffenes Bild vor Augen, welch gewaltiger Berg sich unter dieser Spitze, also den Worten des Schriftstellers, noch verbirgt. Das macht den Zauber einer guten Kurzgeschichte aus.

Ein einziger Charakterzug genügt selbst für die wichtigste Figur. Er ist Teil der sichtbaren Spitze des Eisberges. Die Figur wird dadurch keineswegs eindimensional – alles andere gibt der Schriftsteller dem Leser lediglich nicht vor und überlässt es dessen Vorstellungskraft, so, wie der Eisberg seinen unter Wasser befindlichen Teil. Jeder weiß, dass der unsichtbare Teil sehr viel größer ist als der sichtbare. Und genau das macht die Sache interessant – das ist bei Eisbergen so, und auch bei Kurzgeschichten.