Immer wieder führe ich Gespräche mit Autoren und hin und wieder wieder dreht sich das Thema dabei um die Länge von Sätzen. Kurze Sätze sind leichter lesbar, das ist richtig, ganze Texte aus ausschließlich kurzen Sätzen wirken aber auch recht schnell etwas dümmlich. Wann sind Sätze zu lang? Gibt es das Attribut „zu lang“ für Sätze überhaupt? Nun ja, wollte ich mich provokant ausdrücken, so würde ich sagen: Das hängt von der Intelligenz und der Leseerfahrung der Zielgruppe ab, für die Sie schreiben.

Llesen Sie auch gerne Marcel Proust oder Heinrich von Kleist? Falls ja, dann haben Sie wahrscheinlich nichts gegen längere Sätze, die leicht eine halbe, manche sogar eine ganze Buchseite einnehmen. Die alten Meister beherrschten ihr Handwerkszeug, die Sprache, noch und setzten das auch bei ihren Lesern voraus. Sie begnügten sich nicht mit Gestammel aus möglichst kurzen Hauptsätzen und versteckten sich auch nicht hinter der Ausrede, kompliziertere Sätze wären schwer lesbar.

Möchte der Autor, dass ihn wirklich jeder versteht, ohne dabei überfordert zu sein, so muss er sich in manchen Fällen wirklich auf kurze Hauptsätze beschränken, beispielsweise in Zeitungen, die ich hier nicht namentlich nennen möchte, aber Sie wissen bestimmt auch so, was ich meine. Das ist wie kraulen mit Tausenden Nichtschwimmern – wir sprechen hier über das Schreiben, nicht über das Fabrizieren von Texten, die selbst ein Analphabet versteht, wenn er sich nur etwas Mühe gibt. Ich finde, es gibt keine zu langen Sätze. Was Sie sagen möchten, sollte den Satz bekommen, den es dafür braucht.

Ein Text ist eine Sinfonie aus Tempo und Rhythmus, deren Dirigent Sie als Autor sind. Alle Möglichkeiten Ihrer Sprache stehen Ihnen für Ihr virtuoses Meisterwerk zur Verfügung. Beschränken Sie sich dabei selbst auf kurze Hauptsätze, so verwenden Sie für Ihre Sinfonie nur die Trommel mit einem noch dazu konstanten Takt. Beispiele dafür gibt es viele, und für alle, denen das gefällt, ist es auch durchaus in Ordnung. Vielleicht möchten Sie das ja, vielleicht wünschen Sie sich aber auch etwas mehr.

Verstehen Sie mich nicht falsch, lange Sätze machen aus einem beliebigen Text noch lange kein literarisches Meisterwerk – ausschließlich kurze Sätze machen aber sehr wahrscheinlich jeden Text kaputt.

Ein Text ist wie ein lebender Organismus. Alles an ihm, angefangen bei den ganz groben Strukturen, bis hin zu den winzigen Feinheiten, ist eine Komposition, die in sich stimmt. Dazu gehören auch lange und kurze Sätze als Werkzeuge für Tempo und Rhythmus. Nur auf diese Weise kann aus Worten etwas Lebendiges entstehen. Ausschließlich kurze Sätze wegen der besseren Lesbarkeit wie Lego-Steine zusammenzustückeln hat etwas unnatürlich Mechanisches, es eignet sich hervorragend schnell Informationen zu vermitteln, ist jedoch von der Schönheit der Sprache und dem kunstvollen Umgang damit jedoch sehr weit entfernt.

Texte für das Internet werden häufig mit der Vorgabe geschrieben, nicht mehr als sechs Worte pro Satz. Für das Internet ist das perfekt, solche Sätze versteht wirklich jeder, für jemanden, der sich gerne mit Sprache und Literatur beschäftigt, ist es hingegen grauenhaft. Ich möchte Ihnen hier nicht weismachen, nur lange Sätze wären gut und Sie sollten Ihre Sätze so lang wie möglich machen, ganz und gar nicht. Ich lasse mich nur sehr ungern einschränken durch fragwürdige Regeln selbsternannter Spezialisten. Die nötige Länge eines Satzes ergibt sich in den meisten Fällen ganz von selbst und völlig ohne Einschränkungen. Sie entsteht organisch, manche werden länger, andere wiederum kürzer. Solange ein Satz grammatikalisch richtig ist, ist alles in bester Ordnung. Und sogar diese Regel lässt sich etwas lockern, wenn der Autor weiß, was er tut.

Es soll da so ein Progrämmchen geben, zumindest habe ich davon gelesen, das Texte anhand vorgegebener Parameter nach langen Sätzen durchsucht und „optimiert“. Für die meisten Autoren ist es ein grauenvoller Gedanke, einem Albtraum nicht unähnlich, einen eigenen Text von einer Maschine optimieren zu lassen. Maschinen können das nicht, Sprache ist von Menschen für Menschen, entsprechend schauderhaft sind auch die Ergebnisse. Wer auf solche „Hilfsmittel“ zurückgreifen muss, sollte sich ernsthaft Gedanken darüber machen, ob das Schreiben wirklich die richtige Tätigkeit für ihn ist. Sehr wahrscheinlich gibt es da einiges, was den Talenten dieses Schreibers eher entspricht.

Zum Schluss habe ich noch etwas für Sie. Einen einzigen Satz, den keine Maschine und kein untalentierter Schreiber je so hinbekommen würde. Ob nun leicht lesbar oder nicht – ist das nicht schön?

„Am Fuße der Alpen, bei Locarno im oberen Italien, befand sich ein altes, einem Marchese gehöriges Schloss, das man jetzt, wenn man vom St. Gotthard kommt, in Schutt und Trümmern liegen sieht: ein Schloss mit hohen und weitläufigen Zimmern, in denen einst, auf Stroh, das man ihr unterschüttete, eine alte kranke Frau, die sich bettelnd vor der Tür eingefunden hatte, von der Hausfrau aus Mitleiden gebettet worden war.“

(Heinrich von Kleist: „Das Bettelweib von Locarno“)