Je nach Projekt investieren Autoren eine ganze Menge Geld in einen Ghostwriter und erwarten sich, mit gutem Recht meiner Meinung nach, ein hervorragendes Manuskript ihres künftigen Buches. Das ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Auch der beste Ghostwriter der Welt kann nur die Inhalte verarbeiten, die ihm der Autor zur Verfügung stellt. Niemand kann aus Scheiße Gold machen.

Aakademische Ghostwriter übernehmen für ihre Kunden auch sehr viel Recherchearbeit in der wissenschaftlichen Literatur. Für eine entsprechende Summe könnte ich mir problemlos eine Doktorarbeit in Kernphysik schreiben lassen, von der ich selbst nicht die geringste Ahnung habe. Beim klassischen Ghostwriting (das ist das, was ich anbiete), der Variante, die rechtlich gesehen keine Beihilfe zum Betrug ist, wenn ein Ghostwriter ein Buch für einen Autor schreibt, ist das keineswegs so. Der Ghostwriter verarbeitet die Inhalte des Autors, sein Fachwissen, seine Erfahrungen, seine Lebensgeschichte oder sogar seine Romanidee zu einem Manuskript für ein Buch. Kleinere Recherchen können dabei eingeschlossen sein, im Großen und Ganzen stammen die Inhalte jedoch vom Autor. Sie sind die anfangs noch recht formlose Masse an Informationen, aus welchen der Ghostwriter während seiner Arbeit für den Autor das Manuskript formt.

Sie sehen, worauf ich hinaus möchte. Sind diese Inhalte Mist, so hat der Autor nach getaner Arbeit des Ghostwriters zwar hoffentlich gut formulierten Mist, aber Mist bleibt dennoch Mist, oder? Bei einer Geschichte, beispielsweise einer Lebensgeschichte oder einem Roman, kann ich das als Ghostwriter noch recht gut beurteilen und dem Autor schlimmstenfalls davon abraten, das Projekt weiter zu verfolgen. Bei Sachbüchern ist das schon schwieriger, da ich nicht in jedem Thema selbst Experte sein kann und mich auf die Expertise des Autors verlassen muss – das ist schließlich seine Aufgabe, wenn es um sein Buch geht. Ich bin der Ansicht, ein Sachbuchautor müsste eigentlich selbst recht gut beurteilen können ob das, was er mir während vieler Stunden persönlicher Gespräche als Inhalt seines künftigen Buches erzählt, wirklich sinnvoll ist, dem Leser einen Mehrwert bringt und nicht in vielen anderen Büchern schon genau so abgehandelt wurde. Darüber müsste er sich eigentlich schon Gedanken machen, wenn er beschließt, ein Buch zu schreiben. Und nein, das ist nicht meine Aufgabe als Ghostwriter.

Nun ja, manchmal zeigt sich, dass meine Meinung diesbezüglich eben nur eine Meinung ist und der potenzielle Autor es für ausreichend hält, möglichst viele Stunden mit dem Klang seiner Stimme zu füllen, ohne sich übertrieben Gedanken über das Gesagte zu machen. Zahllose Wiederholungen, sachliche und logische Fehler in meinen Aufzeichnungen der Gespräche sind dann die Folge davon. Vieles davon entdecke ich bei meiner Arbeit als Ghostwriter und halte dann Rücksprache mit dem Autor. Es gibt jedoch keine Garantie, dass mir alles auffällt. Und eigentlich betrachte ich es auch gar nicht als meine Aufgabe, das Chaos in den Köpfen mancher Autoren zu sortieren – ich schreibe Bücher. Recht übel kann es ausgehen, wenn der Autor dann darauf verzichtet, auf meine Rückfragen einzugehen und diese einfach unbeantwortet lässt. Da ich vertraglich den Liefertermin zugesichert habe, nicht jedoch die Richtigkeit und Sinnhaftigkeit der Inhalte (das ist und bleibt Sache des Autors), arbeite ich in solchen Fällen eben mit dem weiter, was mir der Autor zur Verfügung gestellt hat, ob nun richtig beziehungsweise sinnvoll oder nicht. Was bleibt mir denn anderes übrig? Und sagen Sie nicht, ich hätte es nicht versucht. Das Buch ist dann jedenfalls Mist und meine Begeisterung schwindet. Ich schreibe nicht gerne Mist.

Mein Honorar ändert sich dadurch jedenfalls nicht, denn mit solchen Autoren habe ich ja trotz eines fragwürdigen Endergebnisses sicher nicht weniger Arbeit, eher mehr. Deswegen wundere ich mich, dass nicht jeder Autor, wenn er sich schon in solch eine Investition stürzt, sein Bestes gibt und mir in jeder Hinsicht, auch inhaltlich, das Beste liefert, was er kann – denn daraus entsteht letztendlich sein Buch. Andererseits, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, vielleicht tun sie das ja sogar, vielleicht haben manche einfach nicht mehr? Aber so oder so, hinterher besteht nie ein berechtigter Grund, sich über gut formulierten Mist zu beklagen, denn in dem Buch steht genau das, was ich vom Autor bekommen habe. Ich werde niemals aus anderen Bücher oder gar aus dem Internet abschreiben, nur weil mein Autor nichts zu bieten hat. Wir sind hier ja nicht an der Uni (und auch nicht beim akademischen Ghostwriting).

Bei Lebensgeschichten, Romanen und deren Mischung, dem biografischen Roman, ist es nicht anders. Daraus, was der Autor mit inhaltlich liefert, schreibe ich sein Buch. Die Geschichte selbst, auch wenn sie von einem Profi geschrieben ist, wird dadurch nicht besser oder schlechter. Schriftstellerisch lässt sich zwar vieles machen, aber alles hat seine Grenzen. Eine Autorin wünschte sich einmal, dass ich im Manuskript ihrer Lebensgeschichte stärker auf ihre Gefühle eingehe. „Kein Problem“, antwortete ich, „Dazu brauche ich nur die entsprechenden Stellen im Manuskript und die zugehörigen Gefühle“. Damit war die Sache leider erledigt, denn sie konnte mir weder die Stellen nennen noch ihre Gefühle beschreiben. Natürlich ist Empathie für einen Ghostwriter wichtig, aber auch das hat seine Grenzen. Wenn die Autorin mir die für sie wichtigen Stellen nicht nennen und mir nicht beschreiben kann, was sie dabei gefühlt hat, wie soll ich das bitte können? Woher soll ich wissen, wie sich jemand in einer bestimmten Situation fühlt? Zudem kenne ich ja noch nicht einmal die Situation. Ich könnte mutmaßen, wie ich mich wahrscheinlich fühlen würde, aber das ist nicht das Gleiche, denn dazu sind wir Menschen einfach zu verschieden. Was sollte ich also tun? Die Kristallkugel zu Rate ziehen? Oder etwas erfinden, das mir plausibel erscheint? Das wäre noch eine Möglichkeit gewesen, hätte die Autorin nicht darauf bestanden, dass alles der „Wahrheit“ entsprechen müsse. Schreiberisch hatten wir in diesem Zusammenhang ein ganz klassisches Zeigen-statt-erzählen-Problem, für das ich ein paar Fakten gebraucht hätte, gepaart mit dem ebenso klassischen Autoren-wissen-alles-besser-Problem, denn sie wollte das einfach nur mit einem riesigen Haufen echt übler Adjektive lösen, die keinen Leser wirklich berühren.

Die Quintessenz ist, wenn Sie sich als Autor ein Buch von einem Ghostwriter schreiben lassen wollen, bleiben Sie trotzdem der Autor und für die Inhalte verantwortlich. Sie müssen die Inhalte liefern, die in Ihrem Buch stehen sollen, die Ihnen wichtig sind – das ist die Basis für die Arbeit des Ghostwriters. Was Sie nicht liefern, wird auch sehr wahrscheinlich nicht in Ihrem Buch stehen. Einmal abgesehen vom akademischen Ghostwriting kann man sich nirgendwo maßgeschneiderte Bücher samt Inhalten bestellen, auf die der Autor nur noch seinen Namen setzen muss. Es reicht nicht aus, wenn sich ein potenzieller Autor nur Gedanken über den Titel seines Buches macht und dann in Träumereien über Bestseller versinkt.


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