Wer schreiben will, muss lesen – und zwar nicht nur hin und wieder die Fernsehzeitschrift, sondern so viele Bücher wie möglich, am besten jede freie Minute. Ich bin der Ansicht, Ihrem persönlichen schreiberischen Können bringt Lesen wesentlich mehr, als das jeder Schreibratgeber oder Schreibkurs je könnte.

Aauch wenn es für mich undenkbar wäre, nicht zu lesen, ich habe immer ein Buch bei mir, im Café, im Wartezimmer, im Zug, im Flugzeug, einfach überall, so gibt es sie doch, so unfassbar es auch sein mag, Menschen, die nicht lesen. Und ich spreche hier nicht von Analphabeten, Urwaldbewohner oder ähnlichem, ich spreche von halbwegs gebildeten Menschen, mitten unter uns, die sich ohne fremde Hilfe Anziehen und ihr Smartphone bedienen können, jedoch ihr Essen nicht selbst erlegen. Gut, genug Sarkasmus, ich verstehe natürlich, dass nicht jeder die gleichen Interessen hat und dass nicht jeder zwangsläufig gerne liest, nur weil es für mich kaum etwas Wichtigeres gibt. Ich versuche es, zumindest bemühe ich mich.

Ich bin mir recht sicher, dass viele dieser nicht lesenden Menschen gar nicht wissen, was ihnen entgeht. Das ist aber ihr Problem, nicht unseres. Uns geht es hier und jetzt um das Schreiben und dafür ist lesen essenziell. Wirklich schlimm wird es erst, wenn jemand, der grundsätzlich nicht liest, plötzlich auf die Schnapsidee kommt, schreiben zu wollen. Vergessen Sie es! Das wird niemals funktionieren. Gleich wenig, wie jemand Profischwimmer werden kann, der wasserscheu ist. Wer wirklich schreiben will, der muss natürlich viel schreiben und sehr, sehr viel lesen, am besten jede freie Minute. Ich lese nicht besonders schnell, denn ich halte nichts von diesem Querlesen, schließlich will ich mir von einem Buch jedes Wort einverleiben und nicht nur den groben Inhalt verstehen, trotzdem lese ich pro Woche ungefähr 600 bis 800 Seiten, das sind ein bis zwei Bücher, je nach Umfang.

Dabei analysiere ich die Arbeit der Autoren nicht, jedenfalls nicht unbedingt. Ich lese, weil ich gerne schmökere und gute Geschichten mag. Manchmal fallen mir dabei natürlich Dinge auf, die der Schriftsteller besonders gut oder auch ziemlich schlecht gelöst hat – und beides hilft mir, selbst beim Schreiben besser zu werden. Manchmal sind es gerade die schlechten Bücher, von denen ein Schriftsteller besonders viel lernen kann. Ein Buch ist also nie eine Fehlinvestition.

Auch wenn man Bücher beim Lesen nicht analysiert, entwickeln sie beim Leser das Gefühl für Sprache und den Wortschatz weiter, das ist sehr wichtiges Handwerkszeug für Sie als Schriftsteller. Ebenso bekommen Sie als selbst schreibender Leser ein immer besseres Gefühl dafür, was bei einer Geschichte funktioniert und was nicht. Viele Schriftsteller wissen selbst nicht so genau, warum eigentlich etwas so gut funktioniert, aber sie wissen, dass es funktioniert, und nur darauf kommt es an. Das ist meiner Ansicht nach auch der große Unterschied zwischen dem Lesen vieler Bücher und Schreibkursen beziehungsweise Schreibratgebern: Während Schreibkurse und Schreibratgeber mehr oder weniger blanke Theorie sind und die Teilnehmer beziehungsweise Leser dabei so etwas sind wie Kinder, die sich in der Schule auf das echte Leben vorbereiten, so sind massenhaft Bücher für den Schriftsteller das echte Leben. Es mag sein, dass Sie das anders sehen, Schule ist wichtig, lieb und nett und alles – aber recht weit entfernt vom echten Leben. Als nicht lesender Schriftsteller sind Sie wie ein Pflichtschulabgänger im Berufsleben – Sie haben keine Ahnung, nicht die geringste.

Außerdem macht Lesen einfach Spaß und viele erfolgreiche Schriftsteller (gerade diese) schreiben Bücher, die sie selber gerne lesen würden. Ich finde das einen ziemlich guten Ansatz, aber was bitte soll ein Schriftsteller produzieren, der selbst nicht gerne liest? Würde wenigstens er selbst sein Buch gerne lesen wollen, wenn es denn unbedingt sein müsste? Und vielleicht sonst noch jemand? Man weiß es nicht.

Und das ist noch längst nicht alles. Wer schreiben möchte, sollte einen groben Überblick haben, was schon geschrieben wurde und von wem – zumindest im eigenen Genre. Für Schriftsteller, die selbst nicht lesen, ist die Gefahr groß, von einem Verlag die Antwort zu bekommen: „Gibt es schon, nur besser!“. Wie viele Leute wollen beispielsweise einen Psychothriller schreiben, obwohl sie noch nie einen gelesen haben? Na gut, vielleicht einen oder zwei? Wie soll das gehen? Fernsehen und Kino sind diesbezüglich kein Ersatz, Filme zählen nicht, sie liefern dem Schriftsteller nicht das, was er für seine Arbeit braucht.

Bücher sind schwarze Buchstaben auf weißem Papier, keine Spezialeffekte, keine laute Musik, keine nackte Haut. Filme sind keine Bücher und Bücher sind keine Filme. Eine Drehbuchseite entspricht einer Filmminute – das Drehbuch eines durchschnittlichen Spielfilms hat also ungefähr 90 Seiten. Die meisten Romane liegen hingegen irgendwo zwischen 300 und 1.200 Seiten. Sehen Sie den Unterschied? Wenn Sie wirklich und ernsthaft schreiben wollen, dann müssen Sie auch lesen, und zwar so viel wie möglich. Tun Sie das nicht, dann verschwenden Sie beim Schreiben nur Ihre Zeit, während der sie viel sinnvoller das Auto waschen oder den Rasen mähen könnten.