Ich mag Wolfgang Hohlbein als Schriftsteller sehr. Er hat im Laufe seiner Karriere sehr viele sehr gute Bücher geschrieben. Meiner Ansicht nach gehört „Flut“ jedoch nicht zu seinen besten Werken, dennoch ist es für angehende Schriftsteller durchaus lesenswert, da sich einiges daraus lernen lässt.

Hhohlbeins Roman „Flut“ ist ein Endzeitspektakel. Unwetter und Kometen aus Eis verheeren die Erde, ein besonders großes Exemplar eines Kometen droht die Menschheit sogar größtenteils auszulöschen. Etwa 30 Jahre zuvor wurden zwei ganz besondere Kinder geboren, die laut Prophezeiung sehr viel Macht besitzen, die Protagonisten des Romans. Mit über 600 Seiten ist der Roman für diese Geschichte meiner Ansicht nach aber deutlich zu lang. Er ließe sich nahezu verlustfrei auf etwa die Hälfte kürzen, was dem Lesevergnügen wahrscheinlich sehr zugute kommen würde.

Ich finde die beiden Protagonisten, Rachel und Benedikt, sehr flach. Während Rachel einfach wie ein nicht besonders helles Stadtmädchen wirkt, ist Benedikt eine recht junge Mischung aus Bruce Willis, James Bond und Sylvester Stallone – eine lebende Waffe. Benedikt ist eher ein ruhiger Typ, Rachel hingegen ist eine Zicke, die ständig alles kommentiert und ihre Aussagen wieder bereut, noch bevor sie ganz ausgesprochen sind. Und wenn sie doch einmal den Mund hält, dann reflektiert sie ihre immer gleichen Gedanken immer und immer wieder bis zum erbrechen. Dieses Stilmittel ist in „Flut“ meiner Ansicht nach etwas zu dick aufgetragen – über 600 Seiten hinweg nervt diese Göre einfach nur noch, dabei sollte sich der Leser ja mit den Protagonisten identifizieren, Sympathie zu ihnen empfinden, was mir irgendwie nicht möglich war, tut mir leid. Noch um einiges schlimmer ist Rachels Freundin Susi, die glücklicherweise erst recht spät die Bühne betritt. Was ihre Charaktereigenschaften angeht, unterscheidet sie sich nicht sehr von Rachel, sie führt dem ungläubigen Leser jedoch vor Augen, dass eine Steigerung, was das Attribut „Zicke“ angeht, durchaus noch möglich ist.

Der Roman selbst besteht größtenteils aus Flucht. Irgendjemand verfolgt die beiden Protagonisten eigentlich immer, die von einem Ort zum nächsten hetzen, wobei diese Orte relativ belanglos sind, da Rachel und Benedikt ja sowieso zum nächsten aufbrechen, kaum dass sie angekommen sind. Dabei wird recht viel geschossen und generell gehört die Anwendung recht massiver Gewalt zum Alltag. Ich glaube, als Actionfilm hätte diese Geschichte sehr gut funktioniert. Als Roman besteht meiner Ansicht nach aber ein kleines Problem mit dem Spannungsbogen. Sehr schnell treibt der Autor die Protagonisten an ihre physischen und psychischen Grenzen, womit sie dann den Rest des Romans leben müssen. Für den Leser ist da kaum noch eine Steigerung spürbar, die den Spannungsbogen letztendlich ausmacht. Er quält sich einfach Seite für Seite mit der zickigen Rachel und dem beinahe unbesiegbaren Benedikt durch die Geschichte. Die Protagonisten sind durchgehend erschöpft weil sie nie zur Ruhe kommen, vollbringen aber trotzdem dauernd Höchstleistungen.

Hintergrund sind die Unwetter, die Kometen aus Eis und der drohende Weltuntergang. Das ist jedem halbwegs intelligenten Leser sehr schnell klar. Hohlbein lässt es sich jedoch nicht nehmen, immer und immer wieder dieses Szenario zu beschreiben, das sich jedoch kaum ändert. Es ist dunkel, es regnet (mal mehr, mal weniger) und Kometen aus Eis verglühen in der Atmosphäre beziehungsweise schlagen irgendwo ein. Dieser Hintergrund ist wichtig für die Geschichte, trotzdem wäre es meiner Ansicht nach nicht nötig, diesen alle paar Seiten ausführlichst zu beschreiben, noch dazu wenn sich nichts Gravierendes daran verändert hat. Würde man diese wirklich vielen Seiten Unwetterbeschreibung auf das Nötigste kürzen, käme das meiner Meinung nach dem Roman, der danach wahrscheinlich um ein Drittel schlanker wäre, sehr zugute. Eine an sich schon bedrohliche Situation wird dadurch nicht bedrohlicher, indem man sie immer und immer wieder beschreibt. Und ganz nebenbei: Lässt sich ein drohender Weltuntergang hinsichtlich der Bedrohlichkeit des Szenarios überhaupt noch steigern?

Ich möchte die Auflösung nicht kritisieren, denn sie ist okay und irgendwie auch eine Geschmacksfrage. Nach meinem Geschmack löst sich aber alles, inklusive dem unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang, recht schnell in Wohlgefallen auf – kurz und schmerzlos. Eine kleine Rauferei mit Satan persönlich, bei der auch der Papst zugegen ist, der selbst auch einiges auf dem Kerbholz hat, ein beherzter Kopfschuss und die Sache ist erledigt. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Nach all der Strapaze der 600-Seiten-Flucht hätte ich mir diesbezüglich etwas mehr gewünscht, was allerdings auch leichter gesagt als getan ist. Wenden Sie mal als Autor glaubhaft einen Weltuntergang ab. Auch das qualifiziert die Geschichte irgendwie für die Kategorie Actionfilm.

Bisher sind alle genannten Punkte mehr oder weniger eine Geschmacksfrage. Nur weil ich das anders machen würde, heißt das nicht, das der Roman deswegen schlecht ist. Und ich würde mir niemals anmaßen, Wolfgang Hohlbein erklären zu wollen, wie man Romane schreibt. Was jedoch wirklich etwas negativ auffällt, sind die immer wiederkehrenden und immer gleichen nichtssagenden Worthülsen, die der Autor so gerne verwendet. Manchmal finden sich sogar zwei davon auf einer einzigen Seite. Das müsste wirklich nicht sein und hätte meiner Meinung nach auch dem Lektor auffallen müssen.

Da ich selbst einen technischen Hintergrund habe, bin ich recht kritisch, wenn es um technische Details, ganz besonders bei Waffen, geht. Was man als Schriftsteller nicht weiß, darf man erfinden, gar keine Frage, das hat meiner Ansicht nach aber seine Grenzen bei Dingen, die den Leser stutzig machen, weil sie einfach nicht so sind. So sollte ein Autor, der keinen Schimmer von Schusswaffen hat, sich nicht aus dem Fenster lehnen und beispielsweise über Munition referieren. In so einem Fall genügt es doch einfach zu schreiben, dass eine Figur bewaffnet ist. Er kann dann noch sagen, ob es sich um ein Gewehr oder eine Faustfeuerwaffe handelt, das reicht. Niemand will ein mehrseitiges Referat darüber lesen, dass ein Kleinkaliberprojektil kaum die nötige Energie hätte, eine Lederjacke zu durchdringen und sich dabei vom ersten bis zum letzten Wort denken, was für ein Unsinn! Technische Details sind in sehr vielen Fällen für die Geschichte gar nicht nötig. Wenn sich ein Schriftsteller aber trotzdem berufen fühlt, sich darüber auszulassen, sollte er wenigstens wissen, wovon er spricht. Ich weiß, auch in Hollywood müssen Waffen niemals nachgeladen werden und Autotüren halten jedem Beschuss stand und können als Deckung dienen. Das ist aber alles absoluter Quatsch und in Romanen stört mich das.

Ob Sie es mir nun glauben oder nicht, ich habe „Flut“ gerne gelesen und mir dabei viele Gedanken über das Erzählen von Geschichten, Plots, deren Auflösungen und Charaktere gemacht. Es lohnt sich auf jeden Fall, auch wenn Sie hinterher sagen können, Sie hätten das völlig anders gemacht.


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