Für alle Freunde des schaurigen Romans gehört Dean Koontz neben Stephen King doch eigentlich zur Pflichtlektüre. So habe auch ich mir wieder einmal etwas Gutes getan und an den ersten Winterabenden dieses Jahres „Wintermond“ von Dean Koontz gelesen. Und wie ich finde, ist „Wintermond“ durchaus eine Empfehlung wert.

Gganz typisch für Dean Koontz beginnt auch dieser Roman gleich mit der schriftstellerischen Bombe. Während Stephen King eher langsam in eine Geschichte einführt und subtil Spannung aufbaut, bevorzugt es Dean Koontz, seine Leser gleich auf den ersten Seiten ins kalte Wasser zu werfen. So auch in „Wintermond“. An einer Tankstelle zieht ein Getränkeautomat den Ärger eines Hollywood-Regisseurs auf sich, welcher daraufhin beginnt, mit einer Micro-Uzi (bezüglich Waffen macht Dean Koontz keine halben Sachen) um sich zu schießen, dabei mehrere Menschen inklusive eines anwesenden Polizisten tötet, der zweite überlebt schwer verletzt, und die Tankstelle in ein flammendes Inferno verwandelt. Das sind die ersten Seiten, wie ein Dean-Koontz-Leser sie erwartet und in „Wintermond“ auch bekommt.

Diese zugegebenermaßen etwas bizarre Situation ist die Einleitung eines von insgesamt zwei Handlungssträngen, welche die erste Hälfte des Buches ausmachen und in der zweiten Hälfte zu der eigentlichen Horrorgeschichte zusammenlaufen. Gekonnt wechselt Koontz immer in Augenblicken höchster Spannung zwischen diesen beiden Handlungssträngen hin und her und erzählt auf diese Weise zwei voneinander zunächst recht unabhängig scheinende Geschichten, die noch nicht einmal im selben Bundesstaat der USA spielen. Handwerklich finde ich es sehr gelungen, wie Koontz in beiden Erzählsträngen immer weiter die Spannung steigert und stets im richtigen Augenblick, wenn die Spannung gerade ein Maximum erreicht, den Schauplatz wechselt. Dadurch schafft er es, die Spannungsschraube des ganzen Werkes, nicht nur die der einzelnen Erzählstränge, noch etwas straffer anzuziehen. Das ist eine erzählerische Technik, die ich sehr mag, sofern der Erzähler sein Handwerk versteht, denn dass ist nicht ganz so einfach umzusetzen, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheinen mag. Falsch angewendet, lassen sich mit dieser Technik Leser auch sehr leicht vergraulen.

Im ersten Handlungsstrang geht es um den in der Einleitung angeschossenen Polizisten und dessen Familie, die in Los Angeles kein leichtes Leben mehr haben, da er den wild um sich schießenden Regisseur getötet hat, selbst aufgrund seiner Verletzungen noch arbeitsunfähig, während seine Frau in der schlechten Wirtschaftslage seit längerem arbeitslos und das Paar bis über beide Ohren verschuldet ist. Der zweite Handlungsstrang erzählt die Geschichte eines alten Mannes auf einer Ranch in Montana, der eines Nachts eigenartige Lichterscheinungen im benachbarten Wald beobachtet. Damit nimmt alles seinen Lauf. Die Erscheinungen wiederholen sich, werden sogar intensiver und Tiere beginnen, sich eigenartig zu verhalten. Der alte Mann ist sich sicher, hier Zeuge von etwas Übersinnlichem zu sein, was darin gipfelt, dass er eines Nachts Besuch von einer verwesenden Leiche bekommt, die offenbar von einem außerirdischen Wesen, das auf dem Rücken der Leiche sitzt, kontrolliert wird. Der Mann erliegt einem Herzinfarkt.

An dieser Stelle laufen die beiden Handlungsfäden ineinander, denn der alte Mann war der Vater eines im Dienst getöteten Partners des Polizisten in Los Angeles und hatte selbst keine lebenden Verwandten mehr. Deshalb vererbte er all seinen Besitz an die Familie in Los Angeles, über die er von seinem Sohn nur Gutes gehört hatte. Die Familie kann ihr Glück kaum fassen, verkauft das Haus, packt die Sachen und zieht in die Ranch nach Montana. Am Anfang erscheint alles perfekt, doch die seltsamen Ereignisse lassen nicht lange auf sich warten. Alles beginnt recht harmlos, entwickelt sich aber sehr schnell in eine wahre Sinfonie des Grauens.

Der alte Mann hat auf der Ranch ein wahres Waffenarsenal hinterlassen und selbstverständlich reist auch die Familie aus Los Angeles nicht ganz ohne an. Wie schon gesagt, in „Wintermond“ macht Dean Koontz auch bezüglich der Waffen keine halben Sachen. Eine Mossberg Schrotflinte, eine weitere Micro-Uzi und ein Korth-Revolver hat die Familie im Gepäck. Ich betone das, weil gerade technische Details von Waffen, zu denen sich Schriftsteller gerne hinreißen lassen, einfach stimmen müssen, um nicht ganz schnell unglaubwürdig zu werden. Ein Schriftsteller darf alles, er darf sogar schleimige Außerirdische erfinden und der Leser kauft ihm diese im Rahmen seines Romans ab. Tischt ein Schriftsteller dem Leser aber eine Schrotflinte im Kaliber .22 oder ähnlichen Unsinn auf, dann ist es schnell vorbei mit der Liebe. Solch bösartige Schnitzer begeht Dean Koontz jedoch nicht.

Ein paar Kuriositäten bezüglich der Waffen tauchen allerdings trotzdem auf, wobei ich geneigt bin, diese der Übersetzung aus dem Amerikanischen in die Schuhe zu schieben. Das Schlimmste davon ist meiner Ansicht nach das „Hohlmantelgeschoss“, das auch in anderen Romanen von Dean Koontz verwendet, aber in „Wintermond“ geradezu massenhaft verschossen wird. Was bitte soll ein „Hohlmantelgeschoss“ sein? Tatsächlich gibt es Vollmantel- und Teilmantelgeschosse, wobei eine spezielle Variante des Teilmantelgeschosses, das Hohlspitzgeschoss ist – und hier ist etwas dermaßen durcheinander geraten, das es schon beinahe ein wenig witzig ist. Versuchen Sie doch einmal aus einem Mantelgeschoss (egal ob Voll- oder Teilmantel) die Füllung (das eigentliche Geschoss) herauszupfriemeln und dann nur den Mantel (den „Hohlmantel“) zu verschießen. Ich bin mir recht sicher, dass Sie sich diese Versuchsanordnung selber basteln müssen, denn leere Geschossmäntel werden Sie wahrscheinlich nirgends kaufen können. Die Wirkung eines solchen „Hohlmantelgeschosses“ dürfte nicht besonders beeindruckend sein, aber ich bin trotzdem neugierig. Wenn das also jemand versuchen sollte, schreiben Sie mir, okay? Kontakt

Über die Auflösung von „Wintermond“ lässt sich vortrefflich streiten, aber ich finde auch diese einigermaßen gut gelungen. Sehen Sie es doch einmal durch die Augen eines Schriftstellers. Sie haben die Welt Ihres Romans in ihren Grundfesten erschüttert, haben eine enorme Spannung aufgebaut, haben es geschafft, dass der Leser mitfiebert, ob es die Familie wohl schaffen wird, diesem Wesen zu entkommen, Sie haben sie in eine Lage gebracht, aus der es kein Entrinnen mehr zu geben scheint – und nun müssen Sie das glaubhaft (in Wohlgefallen) auflösen. Ich finde, gerade die Auflösungen solch phantastischer Geschichten stellen eine sehr große Herausforderung an den Schriftsteller. Auch wenn die Lage gegen Ende des Romans noch so ausweglos erscheint, er muss einen Ausweg finden – oder er lässt den oder die Protagonisten untergehen. Meiner Meinung nach hat Koontz dieses Problem in „Wintermond“ recht gut gelöst, besonders auch deshalb, weil ich damit eigentlich nie gerechnet hätte. Und ich muss sagen, bei vielen Romanen ist es einfach klar, wie sie ausgehen müssen, wenn man nur genug von ihrer Sorte gelesen hat. Manchen Kritikern missfällt die Auflösung von „Wintermond“ – aber ist es nicht die selbstauferlegte Aufgabe von Kritikern, alles und jeden zu kritisieren?


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