Gute Geschichten sind meiner Ansicht nach Charaktergetrieben. Die Figuren sind das zentrale Element einer Geschichte und von ihnen geht jede Handlung aus. Alles andere riecht nach konstruierter Handlung und ist es letztendlich auch. Ich möchte nicht behaupten, dass konstruierte Handlung grundsätzlich nicht funktioniert, aber wenn Sie als Schriftsteller nicht verdammt gut sind und zudem sehr gut aufpassen, wird Ihr Leser die konstruierte Handlung bemerken und die Nase rümpfen.

Iinvestieren Sie Ihre Zeit also lieber in Ihre Figuren als in das Konstruieren von Handlung. Wenn Sie es schaffen, Ihren Figuren Leben einzuhauchen, dann erledigen sich die meisten Ihrer Sorgen bezüglich Handlung ganz von selbst. Die Figuren werden Ihnen das Ruder aus der Hand nehmen und von sich aus handeln. Das echte Leben läuft schließlich auch nur in den seltensten Fällen nach Plan.

Doch wie erschafft man Figuren, die überzeugen? Dafür gibt es weder ein Patentrezept noch einen Trick, es ist einfach nur Arbeit – die Arbeit eines Schriftstellers. Versuchen Sie einfach, Ihre Figuren so lebensecht wie nur irgend möglich zu gestalten, erschaffen Sie keine Pappkameraden oder Stereotypen – diese Versuchung ist für viele unerfahrene Autoren sehr groß. Ihre Helden sind das Gute in Person und lassen nicht den leisesten Verdacht auf irgendeinen Fehler zu, während ihre Bösewichte durch und durch böse sind und nicht den kleinsten Funken einer sympathischen menschlichen Eigenschaft zeigen. Tun Sie das bitte nicht. Kein Mensch ist nur gut beziehungsweise nur böse – und sehr wahrscheinlich sollen Ihre Romanfiguren doch echte Menschen darstellen, oder etwa nicht? Geben Sie Ihrem Helden also seine Schattenseiten, genauso wie Sie Ihrem Bösewicht seine sympathischen Züge geben sollten. Damit werden sie menschlich und genau das macht es doch schließlich aus.

Geben Sie Ihren Figuren ein Leben mit Träumen, Wünschen und Zielen, geben Sie ihnen eine Vergangenheit, Erfahrungen, Vorlieben und Abneigungen. Daraus ergibt sich schließlich jede Handlung einer Figur ganz von selbst, ohne dass Sie diese planen. Diese Handlungen passen dann auch zur jeweiligen Figur und wirken nicht aufgesetzt wie konstruierte Handlung. Nachdem Sie einer Figur Leben eingehaucht haben, müssen Sie sich als Schriftsteller nur noch die Frage stellen, was würde diese Figur jetzt sagen, was würde sie in dieser Situation tun? Von diesem Moment an planen Sie die Handlung nicht mehr, Ihre Figuren tun das für Sie – Sie brauchen nur noch aufmerksam zu sein und mitzuschreiben.

Während das Konstruieren von Handlung meiner Ansicht nach in sehr vielen Fällen schade um die Zeit ist, lohnt es sich bei den Figuren auf jeden Fall, einen nicht unerheblichen Arbeitsaufwand zu investieren. Dafür entwickeln Sie am besten Ihre eigene Arbeitsweise, jeder Schriftsteller macht das anders. Am Ende Ihrer Arbeit an den Figuren ihres Romans, aber noch bevor Sie auch nur ein einziges Wort am Manuskript geschrieben haben, sollten Sie zumindest Ihre wichtigsten Figuren in- und auswendig kennen.
Versuchen Sie dabei nicht, Ihre Arbeit zu rationalisieren. Ich berate hin und wieder angehende Autoren und habe dabei manchmal den Eindruck, diese basteln sich so etwas wie eine „Gußform“, mit welcher sie anschließend eine Figur ihres Romans nach der anderen „gießen“. Damit erschaffen Sie nur Pappkameraden, die sich in kaum mehr voneinander unterscheiden, als ihrem Namen. Dass Geschichten mit solchen Figuren weder interessant noch spannend sein können, brauche ich Ihnen nicht zu erklären – sie sind einfach nur sehr mühsam zu lesen. Der Leser bringt dabei die platten Charaktere ständig durcheinander und es spielt ohnehin keine Rolle, wenn plötzlich einer fehlt, wahrscheinlich bemerkt man es als Leser kaum. Das wollen Sie weder als Leser noch als Schriftsteller. Lebendige Figuren – dabei dreht sich beim Schreiben von Fiktion einfach alles.


Print pagePDF pageEmail page