Nehmen wir einmal an, Sie und ich vereinbaren auf meinen Wunsch hin einen Termin. Sie reservieren sich Zeit für mich in Ihrem Terminkalender und erinnern mich einen Tag zuvor sogar noch freundlich an unsere Verabredung, worauf ich jedoch nicht reagiere. Zum vereinbarten Zeitpunkt befinden Sie sich rechtzeitig am Treffpunkt, doch ich erscheine nicht. Sie warten einige Zeit auf mich und versuchen dann nachzufragen, ob mir denn etwas dazwischen gekommen wäre. Ich reagiere auch darauf nicht. Wäre dieses Verhalten für Sie in Ordnung?

Aalso für mich ist das nicht in Ordnung. In meiner Jugend wurde uns noch so viel Anstand beigebracht, eine Verabredung abzusagen, und zwar so früh wie möglich, sollten wir, aus welchen Gründen auch immer, nicht daran teilnehmen. Der Andere kann dann auch wieder über seine wertvolle Zeit verfügen, statt sinnlos zu warten und sich zu ärgern. Ist das heutzutage wirklich zu viel verlangt? Scheinbar schon. In Zeiten, in denen bis zum Erbrechen kommuniziert, jede Belanglosigkeit fotografiert und online mit allen geteilt wird, in denen der Volksschüler und die Oma sich einig sind, nicht mehr ohne Smartphone leben zu können, tritt aus mir unerfindlichen Gründen ganz plötzlich Funkstille ein, wenn es um vereinbarte Termine geht, kein Anruf, keine Textnachricht, kein E-Mail. Nichts. Es wäre nicht die geringste Mühe, eine Verabredung zu verschieben oder abzusagen, doch die Leute reagieren lieber einfach überhaupt nicht mehr, auch nicht auf Nachfragen oder sogar Angebote, den geplatzten Termin nachzuholen. Sie tun, als wäre nie etwas gewesen und ignorieren den Sitzen-gelassenen völlig. Arschlöcher – aber echt. Und es ist mir scheißegal ob man das nun sagt oder nicht.

Warum regt mich das eigentlich so auf, werden Sie sich fragen. Solche Idioten gehen mir doch normalerweise sonstwo vorbei – sie tangieren mich nur peripher, wie ich in meiner Jugend noch gesagt hätte. Nun, es gehört zu meinem Beruf, mit potenziellen Kunden Termine für Erstgespräche zu vereinbaren. Genau genommen vereinbaren diese potenziellen Kunden diese Termine eigentlich mit mir. Ich reserviere mir die Zeit in meinem Terminkalender, bereite mich auf das Anliegen meines Gegenübers vor, erinnere ihn einen Tag vorher noch einmal freundlich an unseren Termin mit der höflichen Bitte, mich zu informieren, sollte etwas dazwischen gekommen oder das Interesse geschwunden sein.

Sehr oft sitze ich dann da und warte. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Eine Viertelstunde. Vergeblich. Länger als 15 Minuten warte ich inzwischen auf niemanden mehr. Gedanken gehen mir durch den Kopf, was ich in dieser vergeudeten Zeit alles hätte machen können. Ich überlege mir, wie das Gespräch mit einer der Anfragen verlaufen wäre, die ich absagen musste, weil dieser Termin bereits belegt war. Ich schicke demjenigen, der mich gerade schamlos hat sitzen lassen eine freundliche Nachricht, frage darin nach, ob denn etwas dazwischen gekommen wäre und ob Interesse bestünde, einen neuen Termin zu vereinbaren. Auch darauf reagiert im Normalfall niemand mehr, der schon den Termin selbst ignoriert hat. Scheiß auf Anstand, wer braucht schon so etwas wenn man doch ein Smartphone hat?

Bislang führte ich diese Gespräche, die mich normalerweise ungefähr eine Stunde meiner wertvollen Zeit kosten, die Vorbereitungen nicht mit eingerechnet, kostenlos. Doch die Leute schätzen das nicht, denn was nichts kostet, ist nichts wert. Kein Problem, das lässt sich ändern. Inzwischen sind diese Termine bei mir kostenpflichtig, zahlbar im Voraus. Wer dafür bezahlt hat, wird den Termin sehr wahrscheinlich auch wahrnehmen. Und wenn nicht, wen kümmert das schon, meine Zeit ist schließlich bezahlt.

Mir ist klar, die Zahl der Terminanfragen geht dadurch deutlich zurück. Aber auch das ist ein sehr positiver Nebeneffekt, denn die Leute, denen meine Zeit nichts wert ist, fallen dabei schon mal durch den Rost. Übrig bleiben die potenziellen Kunden, die es wirklich ernst meinen. Für diese habe ich dann auch wirklich Zeit weil mein Terminkalender nicht mehr von irgendwelchen Idioten blockiert wird.

Aber im Ernst: Weshalb vereinbaren manche Leute einen Termin für ein Erstgespräch mit einem Ghostwriter für ihr Buchprojekt, nehmen diesen aber nicht wahr und reagieren auch auf keinerlei Rückfragen seitens des Ghostwriters mehr? Das ist die Frage, die ich mir in solchen Situationen ehrlich immer wieder stelle. Haben die denn nichts Besseres zu tun? Ziemlich oft habe ich den Eindruck, diese Leute sind nicht gerade die Hellsten und haben erst nachdem sie den Termin bereits mit mir vereinbart hatten festgestellt, dass meine Arbeit über Monate für sie nicht gratis ist. Zugegeben, dafür muss man schon ziemlich blöd sein, besonders weil ich im Formular für die Terminvereinbarung ganz klar darauf hinweise, wahrscheinlich liest das aber keiner. Da ich solche Kunden aber sowieso nicht haben möchte, kommt es mir gerade recht, dass diese keinen Termin mit mir vereinbaren, weil sie nicht dafür bezahlen wollen. Wer es wirklich ernst damit meint, sich von einem professionellen Ghostwriter ein Buch schreiben zu lassen, dem ist ohnehin klar, dass im dafür nötigen Budget dieses Gespräch gar nicht ins Gewicht fällt.


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